Auf Entzug

By Stefan

Ich bin auf Entzug – auf Zeitentzug, oder besser auf Terminentzug. Die Uhr habe ich schon in die Schublade verbannt, dazu keine beruflichen Termine mehr, keine Deadlines, keine „To-do-Listen“, die gefühlt immer länger als kürzer werden. Es ist zwar erst Tag drei der Väterkarenz (und vielleicht noch ein wenig früh, um ein Gesamturteil abzugeben), aber ich hätte mir nie träumen lassen, dass mich solch Dinge wie lange Spaziergänge mit Kaspar durch Wien ohne bestimmtes Ziel oder längere Fütter- oder Spielaktionen nicht aufregen oder beizeiten langweilen. Hummeln im Hintern, ständig unter Strom und in Gedanken bei den Dingen, die noch zu tun, zu organisieren, zu planen und durchzuführen sind – das ist so eigentlich meine Welt, dachte ich. Dies muss ich jetzt schon revidieren bzw. sagen, dass die „andere“, ruhigere Welt durchaus ihre Reize hat. Aber wie jeder Entzug gibts natürlich auch bei mir Nebenwirkungen: Den täglichen Kontrollblick in meine Emails kann ich mir noch nicht verkneifen…

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2 Antworten zu „Auf Entzug“

  1. Tobias Fresenius sagt:

    Wie „Wien“ ? – Ich dachte Ihr seid in Klagenfurt?

    Da stellt sich mir wieder eine Grundsatzfrage: Gibt nicht die Endlichkeit vielen Dingen ein Sinn, bzw. verzerrt unsere Wahrnehmung? Wenn man weiß, dass die ruhige Zeit begrenzt ist, nimmt man sie dann nicht ganz anders wahr? Genießt der Sterbende seine Tage nicht viel intensiver als ein Kerngesunder? Sind die letzten Umarmungen bevor man sich wieder trennt, nicht viel herzlicher als eine Liebkosung zwischendrin. Hat das Finale nicht auch deswegen seinen Reiz, weil es das letzte Spiel des Turniers ist? Ich bin mir sicher, dass z.B. ein Arbeitssuchender die ruhige Zeit kaum ertragen kann, weil er sie als endlos empfindet.

  2. Stefan sagt:

    Das ist ja ein sehr philosophischer Ansatz, und die Beispiele natürlich auch sehr stark. Im Prinzip gebe ich Dir durchaus Recht – zumindest was die Karenztage und die Arbeitslosengeschichte anbelangt. Bei den Sterbenden wage ich mich jetzt argumentativ nicht vor, die Umarmungen der lieben Liebenden sind, zumindest was ich aus eigener Erfahrung weiß, nicht zwingend herzlicher als zwischendurch (und ich denke, das sollten sie auch nicht sein…). Und das Finale hat seinen Reiz, aber nicht, weil es das letzte Spiel ist, sondern weil es um alles geht. Also, falls meine Wahrnehmung verzerrt sein sollte, dann freut’s mich, denn schön verzerrt ist doch besser als echter Horror, oder?

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